Judgment and Calculation
Drei Systeme von Farbe
Finissage: Sa, 22. Aug., 18–21 Uhr
Artist Talk: Sa, 22. Aug., 19–20 Uhr
They were not just intelligent, but prided themselves on being “rational” … [They] did not judge; they calculated. … an utterly irrational confidence in the calculability of reality [became] the leitmotif of the decision making.1
Bereits 1976 verwies der in Berlin geborene Joseph Weizenbaum (1923–2008) in seinem Buch Computer Power and Human Reason: From Judgment to Calculation auf Hannah Arendts Kritik an den politischen Entscheidungsträgern des Pentagons im Vietnamkrieg: Sie beurteilten nicht, sondern sie berechneten. Als Informatiker und Entwickler des Chatbots ELIZA (1966) erkannte Weizenbaum bereits früh die Tendenz der technisierten Gesellschaft, die Welt als berechenbares System zu verstehen. Von der Datenanalyse bis zur algorithmischen Entscheidungsfindung, von der standardisierten Verwaltung bis zur Künstlichen Intelligenz – überall wird Urteilskraft durch Berechnung ersetzt, Erfahrung durch Daten und Verantwortung durch Programme. Weizenbaum sieht das tiefgreifendste Missverständnis der KI nicht in einer Überschätzung maschineller Fähigkeiten, sondern darin, die Frage nach dem Wesen des Menschen mit einer Frage der Informationsverarbeitung gleichzusetzen.2
In der Gruppenausstellung Judgment and Calculation entwickeln die drei Künstler*innen Elisabeth Sonneck, Carsten Becker und Harm van den Dorpel jeweils eigene Zugänge zum Spannungsfeld zwischen Urteil und Berechnung — ausgehend von unterschiedlichen Farbsystemen: dem körperlichen Malprozess, dem historischen Farbregister und dem Algorithmus. Wenn die Welt zunehmend dazu neigt, sich durch Kalkulation zu verstehen, verfügen wir dann noch über die Fähigkeit zu urteilen, oder wird „Berechenbarkeit“ allmählich zum einzigen Maßstab für das Verständnis von Mensch und Welt? In welchem Verhältnis stehen Berechnung und Urteilskraft in den gezeigten Arbeiten zueinander?
Im Fokus von Elisabeth Sonnecks Malerei auf Papier steht Farbe – als Kosmos unendlicher Differenzen und Relationen. Farbe ist dabei kein Zustand, sondern eine Energie, die im Zusammenspiel mit anderen Farben in Raum und Zeit fortwährend neue Bezüge hervorbringt. Ohne ein im Voraus festgelegtes Bildschema entstehen durch das schichtweise Auftragen halbtransparenter Farben chromatische Prozesse mit subtilen Verschiebungen, irreversiblen Überlagerungsspuren und visuellen Relationen. Ausgehend von der Malerei auf Papier entwickelt Sonneck seit 2006 aus der produktionsbedingten Materialspannung des Papiers ortsspezifische Papier-Installationen, ihre sogenannten Rollbilder. Darin werden die Papiere in kontinuierlich wandelbare, temporäre und nicht fixierte Raumstrukturen überführt und transformieren so die Relativität der Farbe in die Relativität der Form. In Sonnecks Malerei kann „Urteilskraft“ als der empirische, momentane und prozessuale Entscheidungsakt verstanden werden, der aus körperlicher Bewegung, Reichweite und Wahrnehmung hervorgeht. In ihrer Installationspraxis wird diese „Urteilskraft“ weitgehend dem Material, seinen Eigenschaften sowie dem Raum überlassen – die Papiere erscheinen mit Fundstücken in fragilen physischen Balancen. Auch „Berechnung“ erscheint in ihrer Malerei nicht als Kontrollinstrument, sondern als bewusste Reduktion der Mittel, die der Vielfalt und Unvorhersehbarkeit der Farbe Raum gibt. In den Installationen zeigt sie sich als prozessorientierte Praxis im Umgang mit Material und Raum, die nicht zielgerichtet ist, sondern ergebnisoffen bleibt und sich im Fluss befindet.
In der Auseinandersetzung mit der historischen Standardisierung von Farbe und Objekten zeigt Carsten Becker, wie „Berechenbarkeit“ als Effekt normativer Ordnungen entsteht. In der seit 2019 entwickelten Serie DIN sowie der jüngsten Serie TGL rekonstruiert Becker industrielle Farbsysteme wie RAL und die inzwischen verschwundenen TGL-Farbstandards der DDR. Farbe wird dabei nicht mehr als phänomenales Wahrnehmungsfeld verstanden, sondern in ein System wiederholbarer, vergleichbarer und technisch verarbeitbarer Parameter überführt. Die in seinen Arbeiten auftauchenden Objekte, Normteile wie Flaschen und Komponenten der DDR-Elektrotechnik, sind ursprünglich in funktionale Produktionssysteme eingebettet und durch eindeutige Nummerierungen und Normen bestimmt. Diese Standardisierung ist zugleich die strukturelle Voraussetzung einer auf Berechnung basierenden Logik der Ressourcenverwaltung — insbesondere in den militärisch-industriellen Systemen der Weltkriege und des Kalten Krieges. Durch Neulackierungen, Reproduktionen, fotografische Setzungen und Gegenüberstellungen löst Becker diese Objekte aus ihrem ursprünglichen Funktionszusammenhang und legt ihre historische Schichtung sowie ihre Einbindung in institutionelle Machtstrukturen frei. Dieser Prozess ist keine Rekonstruktion von Standards, sondern eine erneute Öffnung des Sichtbaren für das Urteil: für Betrachtung, Interpretation und Neubewertung. Farbe wird zum Träger ideologischer Verschiebungen, das industrielle Produkt zum materiellen Abdruck von Machtstruktur, und die Norm erscheint als Spur verborgener Kontinuitäten von verschiedenen Politiken.
Harm van den Dorpels Schaffen basiert auf algorithmischen Systemen. Dabei entstehen visuelle Objekte durch Verfahren wie Zufallszahlen, genetische Algorithmen oder blockchain-basierte Programme. Sie reproduzieren und mutieren fortwährend. Farben werden dabei als „colour chords“ verstanden – vorab festgelegte Farbkombinationen in Farbräumen wie RGB, HSLA oder CMYK, von denen aus sich die weiteren Prozesse des Systems entfalten. Für van den Dorpel ist die einzelne Farbe bedeutungslos, Bedeutung entsteht vor allem in den Relationen zwischen Farben. Diese Erfahrung vollzieht sich primär auf einer körperlichen und nicht sprachlichen Ebene, ähnlich der bei Proust beschriebenen „mémoire involontaire“, in der Sinneseindrücke Erinnerungen vor jeder sprachlichen Artikulation auslösen. Allerdings sind die resultierenden Bilder beim Künstler nicht nur das Produkt algorithmischer Suche, sondern auch das Ergebnis ästhetischer Entscheidungen. Seit Death Imitates Language (2016) untersucht van den Dorpel die Frage, was innerhalb eines Systems unendlicher Variationen darüber entscheidet, welche Bilder erhalten bleiben und welche verworfen werden. Dabei übernimmt der Künstler die Rolle des Selektors. In Hybrid Vigor .bio, einer Erweiterung der Serie Algues Artificielles, wird diese Entscheidung an das Publikum übertragen. Dies legt einen zentralen Zusammenhang offen: Algorithmen erzeugen Möglichkeiten, doch Bedeutung entsteht erst durch menschliches Urteil. Berechnung kann unzählige Bilder generieren, vermag jedoch nicht zu erklären, warum visuelle Objekte mit identischen Farbkombinationen unterschiedliche Erinnerungsräume berühren und Assoziationen an Kindheit, Liebe, Trauer oder Tod auslösen.
Qin Yan
Footnotes
Ankündigung
