Über

Foto: Alice Stella
Carsten Becker (*1973) ist bildender Künstler und erforscht technische Normen wie DIN, RAL und die DDR-spezifische TGL als strukturellen Bestandteil deutscher Geschichte und Spur verborgener Kontinuitäten zwischen politischen Systemen. Sichtbar etwa im Olivgrün der Wehrmacht (RAL 6003) und der NVA (TGL 2425).
In der laufenden Serie TGL rekonstruiert er die industriellen Farbstandards der ehemaligen DDR auf Basis eines Registers von 1977 aus dem Nachlass des Formgestalters Lutz Rudolph. Sie führt seine Archivarbeit zur RAL-Serie fort, für die er verlorene Farbtöne anhand historischer Farbmuster wiederherstellte. Durch Neulackierung, fotografische Setzung und Gegenüberstellung löst er normierte Objekte aus ihrem Funktionszusammenhang und legt ihre historische Schichtung frei.
Nach seinem Studium an der Kunsthochschule für Medien Köln (1999) gründete Becker ein Unternehmen für Internetsoftware. Seit 2018 widmet er sich vollständig seiner künstlerischen Praxis. Zu den aktuellen Ausstellungen zählen Judgment and Calculation (Frontviews, Berlin, 2026) und Gläsern (Schloss Biesdorf, Berlin, 2025). Zu den früheren zählen die Einzelausstellung Norm (Chemnitz, 2022) und die Duo-Ausstellung Continental Colors (Los Angeles, 2022). 2023 wurde seine Arbeit durch das Stipendium Neustart Plus der Stiftung Kunstfonds gefördert. Er lebt und arbeitet in Berlin.
Statement
Am Anfang meiner Arbeiten steht die visuelle Neugier auf eine mir unbekannte Form oder Farbe. Aus der daran anschließenden Recherche entsteht mein künstlerisches Material für unterschiedlichste Gattungen, u.a. Fotografie, Skulptur und Grafik.
RAL-Farben beispielsweise sind kein Farbsystem, sondern eine Farbsammlung für deutsche Behörden. Diese „Entdeckung" stieß eine mehrjährige Recherche an: Ich rekonstruierte einst vorhandene RAL-Farben, die nach 1945 entfernt wurden – Farben, die ich nie gesehen hatte, meine Großeltern zur Zeit des Zweiten Weltkriegs jedoch schon. Solche Standards verstehe ich als Fossilien deutscher Geschichte.
So entstehen Arbeiten, die auf einem System basieren, das ich mir nicht ausgedacht habe. Formen und Farben, die aus der Vergangenheit kommen und mir rätselhaft bleiben. So bleibe ich stets selbst neugieriger Betrachter meiner Arbeiten.